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Kameralose analoge Fotografie

„Alle Gestalten sind ähnlich und keine gleichet der andern Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, Auf ein heiliges Räthsel.“

— Johann Wolfgang von Goethe, Die Metamorphose der Pflanzen.

In Goethes Worten erkenne ich einen Gedanken wieder, der mich auch in meiner Arbeit beschäftigt: Formen können miteinander verwandt sein und sich dennoch voneinander unterscheiden. Ihre Ähnlichkeit macht etwas Gemeinsames sichtbar, während jede einzelne ihre eigene Gestalt behält.

Die abstrakten Bilder meiner Serie „Geometrie des Chaos“ entstehen vollständig analog und ohne Kamera im Fotolabor. Ausgangspunkt sind Formen und Strukturen, die sich im Zusammenspiel der verwendeten Materialien entwickeln. Ich beeinflusse ihren Verlauf, greife bestimmte Muster auf und verfolge sie weiter. Zugleich lasse ich Raum für Ergebnisse, die sich meiner Planung entziehen.

Dabei bilden sich Ordnungen heraus: Linien verzweigen sich, Strukturen verdichten sich, ähnliche Formen tauchen in unterschiedlichen Größen auf. Manche erinnern an Fraktale. Wiederholungen werden sichtbar, verändern sich oder lösen sich wieder auf. Jedes Bild entsteht aus den Reaktionen des Materials und meinen gestalterischen Entscheidungen.

Einen verwandten Gedanken finde ich bei dem Mathematiker Heinz-Otto Peitgen. Er beschreibt, wie natürliche Muster während ihrer Entstehung dem Zufall ausgesetzt sind und dennoch wiederkehrende Strukturen hervorbringen:

„Und doch entstehen immer wieder die gleichen Muster und Strukturen in makelloser Regelmäßigkeit und Stabilität […]“

— Heinz-Otto Peitgen, Ordnung im Chaos – Chaos in der Ordnung, Vortragsexposé, Universität Mainz, 29. Juni 2005.

Darin erkenne ich etwas von meinen Erfahrungen im Fotolabor wieder. Auch dort bedeutet eine ungeplante Entwicklung nicht, dass jede Ordnung verloren geht. Im Zusammenspiel der Materialien entstehen wiederkehrende Muster, deren einzelne Ausprägungen mich dennoch überraschen.

Diese Formen erinnern mich auch an die Muster unseres Lebens. Wir gehen vertraute Wege, wiederholen Handlungen, begegnen anderen Menschen und ändern unsere Richtung. Ich stelle mir manchmal vor, wie all diese Bewegungen über längere Zeit in einer Zeichnung aussehen würden, wie aus der Vogelperspektive betrachtet. Es gäbe wiederkehrende Bahnen, Überschneidungen, Verdichtungen und Abzweigungen. Viele dieser Abläufe wären einander ähnlich. Doch durch ihre Verbindung, ihre Dauer und die kleinen Veränderungen entstünde für jeden Menschen ein eigenes Muster.

So sehe ich in meinen Bildern auch etwas von unserem Dasein: Wir treffen Entscheidungen und werden zugleich von dem geprägt, was uns begegnet.