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Alterungsspuren einer Daguerreotypie

Manchmal schaue ich mir meine älteren Daguerreotypien wieder genauer an, um ihre Alterungsspuren zu betrachten. Bei dieser Platte ist nach rund viereinhalb Jahren vor allem der typische abgedunkelte Rand auffällig. Sonst ist sie gut erhalten geblieben.

Aufgenommen habe ich diese Daguerreotypie im November 2021 in Schwäbisch Hall. Sie zeigt eine um 1941 entstandene Wandskulptur von Erwin Dauner am Sparkassengebäude am Hafenmarkt.

Im Video erkennt man etwas, was sich auf Fotos kaum richtig zeigen lässt: den prismatischen Farbeffekt der Daguerreotypie. Ganz so deutlich, wie man ihn mit eigenen Augen sieht, lässt er sich auch im Video nicht wiedergeben. Aber man bekommt zumindest eine Ahnung davon, wie schon eine leichte Veränderung des Blickwinkels die Tonwerte verschieben kann – von warm zu kühl, manchmal fast wie ein Wechsel zwischen verschiedenen Bildern.

Die Wandskulptur zeigt einen großen Adler, darunter Figuren aus Arbeit, Handel, Industrie, Landwirtschaft und Handwerk. Wenn man davorsteht, erinnert diese Bildsprache sehr deutlich an die Ästhetik der NS-Zeit: der Staat als große Schutzfigur über den verschiedenen Arbeitszweigen. Beim Anschauen wirkt es auf mich fast so, als ob unter dem Adler ursprünglich noch ein Zeichen gewesen sein könnte – vielleicht ein Hakenkreuz oder ein anderes politisches Emblem. An dieser Stelle scheint optisch etwas zu fehlen. Sicher sagen kann ich es natürlich nicht.

Auch Daguerreotypien altern. Ihre Silberoberfläche kann mit der Zeit anlaufen, was sich häufig zuerst an den Rändern zeigt. Wie stark sich eine Platte verändert, hängt unter anderem von ihrer Herstellung, der schützenden Einfassung und den Bedingungen ihrer Aufbewahrung ab. Unter geeigneten Voraussetzungen lassen sich solche Anlaufspuren durch eine fachgerechte Restaurierung deutlich vermindern. Eine Daguerreotypie kann danach selbst nach vielen Jahren wieder wesentlich klarer und frischer erscheinen. Bereits verlorene Bildsubstanz lässt sich dadurch allerdings nicht zurückholen.

Wie empfindlich diese Bilder sind, wurde mir auch bei einem Tagesworkshop bewusst, den ich 2015 bei Bernd Renard in Kiel besuchte. Der inzwischen leider verstorbene Fotograf stammte aus einer traditionsreichen Fotografenfamilie und beschäftigte sich intensiv mit der Daguerreotypie. Er erzählte mir von einer Anfrage eines Museums: Man wollte wissen, ob er ein Duplikat einer schwer beschädigten Daguerreotypie anfertigen könne.

Jemand hatte die Platte aus ihrer Einfassung genommen und versucht, ihre Oberfläche mechanisch zu „putzen“. Dabei war das Bild nach seiner Erzählung praktisch zerstört worden. Die feinsten bildgebenden Partikel liegen unmittelbar auf der spiegelnden Metalloberfläche. Schon eine Berührung oder vorsichtiges Wischen kann bleibende Schäden verursachen. Die Vergoldung erhöht zwar die Stabilität des Bildes, macht es aber keineswegs unempfindlich gegen solche Eingriffe.

Eine Restaurierung ist deshalb etwas anderes als das gewöhnliche Reinigen eines Gegenstands. Die Bildfläche darf nicht gerieben oder poliert werden. Auch chemische Behandlungen müssen sorgfältig auf den Zustand der jeweiligen Platte abgestimmt werden. Cyanidhaltige Lösungen wurden historisch zur Entfernung von Anlaufspuren eingesetzt. Sie können jedoch auch Bestandteile des Bildes angreifen und sind deshalb keine allgemein geeignete oder notwendige Lösung für jede Daguerreotypie. Die genaue Zusammensetzung der damals besprochenen Rezeptur ist mir nicht bekannt, aber laut Herrn Renards damaligen Aussagen war sie ebenfalls cyanidhaltig.

Beim Umgang mit einer geöffneten Platte muss die Bildfläche vollständig unberührt bleiben. Auch mit geeigneten Schutzhandschuhen wird sie ausschließlich an den Kanten gehalten. Gerade diese Verletzlichkeit macht mir immer wieder bewusst, dass eine Daguerreotypie zugleich Bild und empfindlicher Gegenstand ist.

Wandskulptur von Erwin Dauner am Sparkassengebäude am Hafenmarkt in Schwäbisch Hall.
Gerahmte Daguerreotypie der Wandskulptur am Hafenmarkt, aufgenommen im November 2021.