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Ein seltenes Tessar 1:2,7 16,5 cm

Gestern ist ein Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,7 – 16,5 cm bei mir angekommen.

Der Name Tessar leitet sich vom griechischen Wort für „vier“ ab und bezieht sich auf den Aufbau aus vier Linsen: zwei einzeln stehenden Linsen im vorderen Teil und einem verkitteten Doppelglied im hinteren Teil. Ein Tessar an sich ist kein seltenes Objektiv, denn Tessare wurden über viele Jahrzehnte in sehr großen Stückzahlen hergestellt.

Die besonders lichtstarke Ausführung 1:2,7 nimmt innerhalb der Tessar-Familie eine Sonderstellung ein und war für ein Großformatobjektiv dieser Zeit außergewöhnlich lichtstark. Die optische Berechnung dieser lichtstarken Tessar-Ausführung wurde 1924 abgeschlossen. Ab 1925 wurde das Objektiv vor allem für Platten-Spiegelreflexkameras im Format 9 × 12 cm hergestellt. Wenige Jahre später folgte das Biotessar 1:2,8/16,5 cm. Trotz seines Namens ist das Biotessar optisch kein echtes Tessar, da es mehr als vier Linsen besitzt und auf einer anderen Konstruktion beruht.

Mein Exemplar trägt die Seriennummer 706243 und lässt sich anhand dieser Nummer ungefähr auf 1926/27 datieren. Es ist damit heute rund 100 Jahre alt.

Ungewöhnlich ist auch die Fassung. Das Objektiv besitzt keinen eingebauten Schneckengang zur Fokussierung, wie er bei den üblichen Exemplaren dieses Tessars zu finden ist und heute beispielsweise häufig bei Angeboten auf eBay zu sehen ist. Stattdessen sitzt es in einem vergleichsweise einfachen Tubus mit Flansch. Gerade diese schlichte Ausführung scheint deutlich seltener zu sein; ein weiteres Tessar 1:2,7/16,5 cm in genau dieser Fassung konnte ich bisher nicht finden.

Der mittlere Tubus und der Flansch bestehen aus massivem Messing. Die vordere Fassung mit den beiden luftgetrennten Linsen sowie die hintere Fassung mit dem verkitteten Doppelglied bestehen dagegen aus Aluminium. Eine solche Materialkombination habe ich bei einem historischen Objektiv bisher noch nicht gesehen. Mit Flansch wiegt es rund 840 Gramm.

Besonders erfreulich ist der Zustand. Nach einer vorsichtigen Reinigung sind die Gläser klar und ohne Dunst; Kratzer kann ich nicht erkennen. Im Glas befinden sich allerdings einige kleine Luftbläschen. Der verbreitete Mythos, solche Bläschen seien ein Zeichen besonders hoher Glasqualität, stimmt so nicht. Sie waren kein Qualitätsmerkmal, wurden in geringer Zahl aber toleriert.

Fotografiert habe ich damit noch nicht. Auf 4 × 5 Zoll könnte es sich besonders für Porträts mit geringer Schärfentiefe eignen. Mein bisher lichtstärkstes Objektiv für Daguerreotypie-Porträts war das Mamiya Sekor Z 110 mm 1:2,8 an der Mamiya RZ67. Dabei handelt es sich jedoch um ein Mittelformatobjektiv, das nur einen entsprechend kleineren Bildkreis für das Format 6 × 7 cm ausleuchtet. Das Tessar besitzt bei nahezu gleicher Lichtstärke einen wesentlich größeren Bildkreis und kann deshalb auf 4 × 5 Zoll für Daguerreotypien, Ambrotypien und andere historische Verfahren eingesetzt werden.

Im Großen und Ganzen bin ich mit dem Kauf sehr zufrieden und gespannt, welchen Bildcharakter dieses fast 100 Jahre alte Tessar besonders bei offener Blende zeigen wird.

Noch einige interessante Fakten:

Das Tessar prägte sogar das historische Firmenzeichen von Carl Zeiss: Die äußeren Konturen des Logos entsprechen in stilisierter Form dem verkitteten hinteren Linsenpaar des Tessars. Das Zeichen wurde 1902 entworfen, 1904 als Warenzeichen eingetragen und ab 1906 auf fast allen Geräten und Druckschriften von Carl Zeiss verwendet. In Jena blieb diese Logoform bis zur Wiedervereinigung erhalten. Auch im heutigen blauen ZEISS-Logo, das in dieser Form seit 1997 verwendet wird, ist die vom Tessar-Hinterglied abgeleitete Linsenkurve in der unteren Kontur noch erkennbar. Dass Zeiss ausgerechnet das Hinterglied des Tessars zum Firmenzeichen machte, zeigt den besonderen Stellenwert dieser Konstruktion. ZEISS selbst bezeichnet das Tessar als das berühmteste und meistkopierte Kameraobjektiv aller Zeiten.

Zeiss und Schott, ein Hersteller optischer Spezialgläser, arbeiteten in Jena sehr eng zusammen. Otto Schott gründete 1884 gemeinsam mit Ernst Abbe und Carl Zeiss das Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen, das neuartige optische Gläser für Zeiss entwickelte. Dass bei diesem Tessar Schott-Gläser verwendet wurden, ist daher sehr wahrscheinlich, lässt sich ohne die ursprünglichen Fertigungsunterlagen aber nicht für jedes einzelne Linsenelement belegen.

Optisches Schema des Tessars mit vier Linsen und dem historischen Carl-Zeiss-Jena-Firmenzeichen.
Carl Zeiss Jena Tessar 1:2,7 16,5 cm in schlichter Fassung mit Flansch.
Ansicht der Fassung und Blendenskala des Carl Zeiss Jena Tessars 1:2,7 16,5 cm.