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Ein Voigtländer Universal-Heliar von 1931

Anfang September fuhr ich nach Schweinfurt, um dort eine alte Atelierkamera samt Objektiv abzuholen. Mein Interesse galt dabei vor allem diesem gewaltigen Voigtländer Universal-Heliar 1:4,5/36 cm. Die dazugehörige Stella-Atelierkamera musste ich mitnehmen, weil der Verkäufer das Objektiv nicht einzeln abgeben wollte.

Für Kamera und Objektiv zusammen zahlte ich nur ungefähr die Hälfte dessen, was viele Händler allein für ein vergleichbares Objektiv verlangen. Bei einem solchen Kauf geht man allerdings immer ein Risiko ein. Erst nach einer gründlichen Untersuchung weiß man, ob man tatsächlich ein Schnäppchen gemacht oder sich eine kostspielige Überraschung ins Haus geholt hat. In diesem Fall waren zwar einige Arbeiten notwendig, dennoch erwies sich der Kauf tatsächlich als Schnäppchen.

Das Universal-Heliar trägt die Seriennummer 749619 und wurde laut Hartmut Thieles Fabrikationsbuch Photooptik – Voigtländer im Jahr 1931 gefertigt. Es handelt sich eindeutig um die unvergütete Vorkriegsausführung. Erkennbar ist sie außerdem an den gerändelten, zylindrischen und vernickelten Bediengriffen. Die Nachkriegsversionen besitzen dagegen glatte, verchromte Griffe mit einem kleinen kugelförmigen Ende.

Besonders gefreut hat mich, dass auch die originale Objektivkappe erhalten geblieben war und sich noch in gutem Zustand befand. Eine solche besondere und genau passende Kappe nachzufertigen, wäre sicherlich nicht einfach gewesen.

Das größte Problem waren die vollständig verölten Blendenlamellen. Offenbar hatte das jahrzehntealte Schmierfett des Weichzeichnungsmechanismus sein Grundöl abgegeben. Dieses war mit der Zeit bis zur Blende gewandert und hatte dort sämtliche Lamellen benetzt.

Das Zerlegen eines Universal-Heliars ist etwas komplizierter als bei einem Tessar. Wenn man sich jedoch langsam herantastet, jeden Schritt genau betrachtet und dokumentiert, ist der Aufbau durchaus nachvollziehbar.

Beim Universal-Heliar wird die Weichzeichnung durch das axiale Verschieben der mittleren bikonkaven Linse eingestellt. Die Drehbewegung des Einstellrings wird dabei über drei schräg verlaufende Führungsnuten und die zugehörigen Messing-Führungslaschen in diese Längsbewegung umgesetzt. In Stellung 0 ist das Objektiv weitgehend korrigiert; mit steigender Zahl nimmt der Weichzeichnungseffekt zu. Auch diese bewegliche Linse konnte ich ausbauen und reinigen. Auf ihrer Oberfläche befand sich ein leichter Schleier, wahrscheinlich ein Niederschlag ausgedünsteter Bestandteile des alten Schmiermittels. Zum Glück ließ er sich vollständig entfernen. Pilzbefall, Glaskorrosion beziehungsweise Glasfraß waren nicht festzustellen.

Sehr interessant waren die werkseitigen Markierungen am inneren Tubus der Weichzeichnungsverstellung. Die dort befestigten Messing-Führungslaschen tragen die mit Schlagzahlen eingeschlagene Kennzahl 19, die den letzten beiden Ziffern der Objektivseriennummer entspricht. Zusätzlich waren die Laschen und ihre jeweiligen Positionen am Tubus mit übereinstimmenden Körnerpunkten gekennzeichnet: mit jeweils einem, zwei oder drei Punkten. Dadurch ließ sich beim Zusammenbau jede Lasche wieder eindeutig an ihrem ursprünglichen Platz montieren.

Eine weitere Herausforderung waren die alten Schrauben. Ihre Schlitze sind so schmal, dass handelsübliche Schraubendreher nicht richtig hineinpassten. Deshalb schliff ich einige Bits eigens für dieses Objektiv noch flacher und dünner. Nur so ließen sich die Schrauben lösen, ohne die schmalen Schlitze zu beschädigen.

Allein die gründliche Entfernung von altem Fett und Öl dauerte deutlich mehr als eine Stunde. Die ausgebauten Blendenlamellen reinigte ich zunächst mit hochwertigem Feuerzeugbenzin und anschließend mit 99,9-prozentigem Ethanol. Danach waren sie wieder sauber, trocken und leichtgängig.

Nach der Reinigung begann der Zusammenbau. Die tatsächlichen Gleitstellen des inneren Tubus und der Weichzeichnungsverstellung bekamen anschließend nur einen hauchdünnen Film LOSIMOL LOSOID S1150C. Dabei handelt es sich um ein hochviskoses Spezialfett für Antriebe optischer und feinmechanischer Geräte. Entscheidend war für mich, wirklich nur die reibenden Stellen äußerst sparsam zu schmieren, damit kein überschüssiges Fett erneut in Richtung der Blendenlamellen wandern kann.

Erfreulicherweise befanden sich sämtliche Linsen in einem sehr guten Zustand. Nach der Reinigung waren sie klar und frei von Pilz. Auch nennenswerte Kratzer oder Putzspuren konnte ich nicht feststellen.

Ein weiteres Manko war der alte Befestigungsflansch aus Aluminium. Er war schmal, handwerklich eher grob ausgeführt und gefiel mir auch optisch nicht besonders. Deshalb ließ ich einen neuen, wesentlich breiteren Flansch aus Messing anfertigen. Er passt meiner Meinung nach nicht nur ästhetisch deutlich besser zu diesem historischen Objektiv, sondern ist auch stabiler und praktischer.

Den neuen Messingflansch montierte ich anschließend selbst auf einer Sinar-Objektivplatine. Das fertige Ensemble bringt nun stolze 2,840 Kilogramm auf die Waage – wahrlich kein Leichtgewicht, dafür aber ein beeindruckendes Stück deutscher Optik- und Fotogeschichte.

Universal-Heliar mit abgenommener Originalkappe.
Universal-Heliar mit lose danebenliegendem Messingflansch.
Universal-Heliar mit montiertem Messingflansch und aufgesetzter Originalkappe.
Universal-Heliar mit Messingflansch auf einer Sinar-Objektivplatine.
Verölte Blendenlamellen des Universal-Heliars.
Zerlegte Gehäuseteile des Universal-Heliars.
Die beiden Tubusteile der Weichzeichnungsverstellung.
Messing-Führungslasche mit der Kennzahl 19 und einem Körnerpunkt.
Messing-Führungslasche mit der Kennzahl 19 und zwei Körnerpunkten.
Messing-Führungslasche mit der Kennzahl 19 und drei Körnerpunkten.
Schräg verlaufende Führungsnut ohne montierte Messinglasche.
Das verwendete Schmierfett LOSIMOL LOSOID S1150C.