Daguerreotypie
„Nach Balzac besteht jeder Körper in der Natur aus Reihen von Spektren, in unendlich übereinandergelagerten Schichten […].“
Der berühmte französische Schriftsteller Honoré de Balzac glaubte, jeder Körper bestehe aus „Reihen von Spektren, in unendlich übereinandergelagerten Schichten“. So erinnerte sich der Fotograf Nadar in seinem 1900 erschienenen Buch Quand j’étais photographe. Balzac fürchtete, bei jeder Daguerreotypie könne eine dieser hauchdünnen Schichten abgelöst werden – wie bei einer Zwiebelschale.
Nadars Schilderung erinnert mich daran, wie heftig Menschen auf Neuerungen reagieren können. Die Daguerreotypie löste nicht nur Staunen und Bewunderung aus, sondern auch Misstrauen, Angst und hasserfüllten Spott. Was wir noch nicht kennen oder verstehen und was vertraute Vorstellungen infrage stellt, wird manchmal abgelehnt oder lächerlich gemacht, noch bevor wir uns näher damit beschäftigt haben. Mit der Zeit werden viele dieser Neuerungen zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens. Die anfänglichen Bedenken geraten dann oft in Vergessenheit.
Die Daguerreotypie ist ein Spiegelbild der Realität. Die versilberte Platte fängt einen Augenblick ein und hält ihn fest – als wäre damit eines jener hauchdünnen „Spektren“ eingefangen, von denen Balzac sprach. In einem übertragenen Sinn hatte er damit irgendwie recht: Etwas von diesem Augenblick bleibt auf der Platte zurück, während das Leben weitergeht. Genau so, wie er hier eingefangen wurde, wird sich dieser Moment nie wiederholen.
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